Der innere Anker

„Hier ist die Welt vollends stillgestanden!“ Im Oktober 1922 reiste der junge Schweizer Theologe Karl Barth durch die Grafschaft Bentheim. Er sprach auch in Nordhorn und erlebte etwas Besonderes. Das restliche Deutschland steckte mitten in den turbulenten Krisenjahren der Weimarer Republik. Doch in den Gemeinden an der Vechte spürte Barth eine tiefe, unerschütterliche Frömmigkeit. Die Menschen ließen sich von den unruhigen Zeiten nicht beirren. Sie hatten ihren festen Halt in Gottes Wort.

Nur elf Jahre später änderte sich die Lage radikal. Die Nationalsozialisten übernahmen die Macht. Sie versuchten sofort, auch die Kirchen auf ihre Linie zu bringen. Barth stellte sich mutig dagegen. Er wurde 1934 zum Hauptverfasser der berühmten „Barmer Theologischen Erklärung“. Deren erster Satz hielt unmissverständlich fest: Jesus Christus ist das eine Wort Gottes. Ihm haben wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen. Kein staatliches Diktat durfte sich über dieses Fundament stellen.

Woher nahmen Karl Barth und die Menschen der „Bekennenden Kirche“ die Kraft zum Widerstand? Es war damals nur eine Minderheit, die diesen Mut aufbrachte. Sie schöpfte ihre Kraft aus einer Quelle, die uns heute oft fremd geworden ist: aus der Bibel. Dort lasen sie vom Anspruch und vom Zuspruch des Evangeliums – der guten Nachricht von Jesus Christus. Der Anspruch fordert uns auch heute täglich heraus. Das zeigt sich zum Beispiel darin, wie er unser Gewissen für die Mitmenschen schärft. Wenn das gesellschaftliche Klima rauer wird und der Respekt vor dem anderen schwindet, macht der Glaube nicht mit. Er steht für die unantastbare Würde jedes Einzelnen ein. Gottes Wort lässt uns nicht bequem wegschauen.

Doch das Evangelium lässt uns mit diesen Herausforderungen nicht allein. Es schenkt uns einen unerschütterlichen Zuspruch. Mitten in eine oft verunsichernde Welt hinein sagt Jesus: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Johannes 16,33). Dieses „Überwinden“ bedeutet keine Weltflucht. Jesus überlässt die Erde nicht sich selbst. Er bricht die Macht der Angst und befreit uns zum Leben. Wer diesen Christus und seine Kraft neu entdecken will, sollte wieder die Bibel aufschlagen. In diesen Texten suchen wir keine verstaubten Buchstaben. Weit gefehlt: Wir suchen Jesus Christus selbst. Wer seine Stimme hört und ihm vertraut, findet einen festen inneren Anker. Er lässt die stürmische Welt um uns herum für uns vollends stillstehen – ganz so, wie Barth es damals spöttisch-liebevoll beobachtet hat.

Hanno Sommerkamp

Der Text ist gleichlautend in den Grafschafter Nachrichten erschienen, Ausgabe vom 6.6.2025.