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Ein Lied hat Kraft

Am vergangenen Sonntag war der erste Advent. In unseren Gottesdiensten haben wir „Tochter Zion“ gesungen, ein altes und bedeutsames Lied. Seine wesentlichen textlichen Motive entstammen den biblischen Prophetenbüchern Sacharja und Jesaja. Die singende Gemeinde lässt sich mit hineinnehmen in die Aufforderung an die „Tochter Zion“ (Jerusalem ist gemeint) sich zu freuen und zu jubeln, weil ihr „König“ kommt (von der christlichen Kirche auf Jesus bezogen). Dieser „König“ kommt als „Gerechter“ und als „Helfer“. Er ist der „Friedefürst“, der sein „Friedensreich“ aufbaut. Ein mächtiges Lied – so stark, dass es in der Zeit des dritten Reichs aus manchen Liederbüchern entfernt wurde.

Die nicht immer leichte Sprache und die nicht immer verständlichen biblischen Bezüge erschweren bisweilen den Zugang zu diesem Lied. Wer sich aber darauf einlässt, der kann erleben, wie dieser Lobpreis Erwartung und Hoffnung in die Gegenwart hineinholt. Unser Leben ist nicht einfach von einem Schicksal bestimmt oder von irgendwelchen Kräften, die aktuell die Oberhand zu haben scheinen. Der in diesem Lied erklingende Lobpreis hat sogar die Kraft, in die erdrückende Atmosphäre der Corona-Pandemie die Luft einer kommenden Zeit zu wehen, in der wir nicht mehr unter diesem Virus leiden werden.

Als ich am ersten Advent „Tochter Zion“ gesungen habe, da merkte ich: Es sind nicht die vielfach hilflosen Versuche, der Infektionslage Herr zu werden, die mich entlasten. Sondern es war dieses Lied, das eine starke Kraft in mir entfaltete. Dass ich einen Mund-Nasen-Schutz beim Singen trug, das habe gar nicht mehr gemerkt. Dass ich mich momentan häufiger auf das Virus testen lassen muss, das ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Obwohl all dies viele Menschen stört: Es war in diesem Moment für mich unbedeutend. Das Singen und der Lobpreis haben mir den Himmel geöffnet und mich mit dem starken Handeln Gottes verbunden.

Trotz aller Einschränkungen, die es aktuell in meinem Alltag gibt, und trotz aller Verluste, die ich in meinem persönlichen Umfeld beklage: Ich weiß, dass Gott nicht hilflos ist und dass ich zu jeder Zeit in seinem Frieden stehe. Und so trete ich singend, bittend und betend vor Gott. Ich hoffe auf sein Erbarmen, sein Eingreifen und seine Macht. Ich denke im Gebet an die, die leiden – körperlich oder seelisch. Ich bin bei denen, die Angst haben vor Einsamkeit und Alleinsein. Und ich erlebe: Die Zukunft Gottes verändert meine Gegenwart.

Ein Lied hat Kraft, meine Welt zu verändern. Und ich freue mich über jeden, der mit mir singt.

Pastor Hanno Sommerkamp, Baptistenkirche Nordhorn

Der Text ist gleichlautend in den Grafschafter Nachrichten erschienen, Ausgabe vom 4.12.2021.